Ob ich damals vor drei Jahren, an einem Freitagnachmittag, am Computer unserer Studentenzeitung einen Drang verspürte, weiß ich gar nicht mehr. Sicherlich war in mir aber ein Spieltrieb gelockt.
Gerade wenige Wochen zuvor hatten wir zu unserer eigenen großen Überraschung eine Auszeichnung für unser “Baby” bekommen: die Studentenzeitung, der unser ganzes Herz zuflog, und die uns aus dem theoretischen Trott der Hauptseminare mit Endungen auf -ung, -keit oder -tum befreite.
Nun war ich beim Surfen im Internet auf diese Seite gestoßen, auf diesen Termin. Noch am gleichen Abend, an diesem Freitag, sollte im Hamburger Schauspielhaus zum ersten Mal der Henri-Nannen-Preis verliehen werden: für die beste Reportage, für die beste investigative Leistung, und für alles andere, was hinter unserem Schaffen an der Uni als großes Ziel stand. Der bestmögliche Journalismus.
Ich nahm den Telefonhörer, wählte die Nummer der Presse-Verantwortlichen, die ich dort auf der Seite fand. Sie hörte mich kurz an, zögerte und überlegte wahrscheinlich. Also bot ich ihr eine Wette an: Weil ich als Redakteur einer Studentzeitung wohl nicht zum bevorzugten Kreis der Gäste gehöre, weil ich aber jung bin und doch sehen und erleben soll, was guten Journalismus ausmacht, muss ich in den kommenden Stunden eine Sache schaffen: Pünktlich, also vier Stunden später, nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg sein, und in Abendgarderobe bei ihr meine Eintrittskarte abholen.
Sie willigte ein.
Die nächsten Schritte brauchten keine lange Überlegung. Das Ziel stand fest. Schnell hatte ich eine Mitfahrgelegenheit. Der Fahrerin machte ich deutlich, dass eine Pause meinen Zeitplan durchkreuzen könnte. Warum sie sich ohne Umstände daran hielt, war mir nicht klar, sorgte aber für eine erste Erleichterung. Auch das zweite Problem war schnell gelöst: Der jüngere Bruder meines besten Freundes aus Hamburg wartete in einer Seitenstraße des Schauspielhauses bereits mit seinem Abiball-Anzug. Es konnte also losgehen.
Ich bekam meine Karte. Ging vor Olli Dietrich und hinter Carl Bernstein über den roten Teppich und machte es mir auf meinem Platz bequem. Zufrieden, hoch oben im letzten Rang des größten deutschen Sprechtheaters. Auf der Bühne begann die Preisverleihung: Preise für die besten journalistischen Arbeiten 2005 - aber vor allem vorgetragene Auszüge aus den Nominierungen.
Für Papierkram bringe ich momentan nur Verachtung auf. Mein Studium ist endlich abgeschlossen, die Sonne geht nur noch unter, um am nächsten Tag noch kräftiger über Berlin zu scheinen, und meine Gedanken sind nicht nur frei, sondern sorglos.
Und dennoch: Washington wartet. Es heißt, diese Stadt riecht, atmet und schmeckt Politik und Medien. So jedenfalls Reiseführer, die von der “Financial Times” empfohlen werden.
Für mich wird es zunächst aber weniger Geschmacksfeuerwerke geben. Mein Visum will beantragt werden, meine Wohnung gesucht werden, mein Englisch getrimmt und mein Stundenplan vollgepackt werden. Und das bleibt zum Glück an mir hängen. Endlich freiwilliger Organisationsstress.
Die Sonne und Du, lieber Herr Stress, gehören auch zum Sommer dazu.
Einen Schwerpunkt der Prüfungsvorbereitung - gerade in etwas künstlerischen Fächern wie der Germanistik - sollte ja die Musik bilden. Sie, und zwar gerade Musik von Bach oder Mozart, hilft nicht nur, Strukturelles leichter aufzunehmen, sondern bildet zudem eine emotionale Verknüpfung zum Lernstoff. Das habe ich jedenfalls so gelesen.
Daran habe natürlich auch ich mich gehalten. Auch wenn es vielleicht nur ein Aberglaube ist. Seit einem Jahr schwirrt mir diese Melodie im Ohr. Heute, nach der letzten Prüfung, kann damit nun Schluss sein.
Ob dieses eine Lied nun tief in mich eingedrungen ist und meine kognitiven Fähigkeiten für die Literatur und die Linguistik mit all ihren Wäldern voller Symbolen geschärft hat - ich weiß es nicht.
Aber in den Tagen und Nächten ohne andere Menschen um mich herum habe ich gelernt, dieses kleine Meisterstück der Musik liebzuhaben. Der Refrain geht so: “I am beautiful, no matter what they say”, flüsterte mir immer wieder die süße Stimme in mein Außenseitertum. Und dann noch die Stütze für den gestressten Germanisten: “Words can’t bring me down.”
Noch drei Wochen. Solange wird dieser Blog ohne neue Beiträge bleiben.
Ähnlich also wie in den vergangenen Tagen. Grund dafür sind meine Abschlussprüfungen. Durch diese wurde ich nämlich zunächst zum Berg, zum Gletscher, zur Stadt - zack zack. Und nun noch für eine kurze Zeit zum Dramatiker im 19. Jahrhundert und Morphologe.
“Macht kaputt, was euch kaputt macht.” Krachen soll es. Ins Positive und auf den heutigen Zeitungs-Journalismus übertragen lautet dieser Hit: “Mach interessant, was wichtig ist.” Diese Losung gibt in der heutigen gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung der Pulitzer-Preisträger und Direktor der Annenberg School of Journalism der University of Southern California.
“Nicht der Inhalt ist König, sondern die Leser sind die Könige, die man davon überzeugen muss, zu lesen. Es gibt jetzt einen journalistischen Imperativ: Mach interessant, was wichtig ist.”
Kurz vor dem Abgrund sieht Parks den Journalismus damit nicht. Er beobachte viel eher einen “Schumpeter’schen Moment schöpferischer Zerstörung” - welche Ausprägungen der Medien letztlich im Wettbewerb die Überhand gewinnen werden, ist demnach völlig unklar. Wer laut Parks aber qualitätsvolle Nachrichten liefere, werde profitieren.
Sein Schlusswort für die Ausbildung junger Journalismus-Studenten rückt dann das Zauberwort vom Crossmedialen in den Mittelpunkt:
“Jeder muss lernen, zu berichten, zu schreiben, zu redigieren, und zu produzieren - für Zeitungen, fürs Radio, fürs Fernsehen und fürs Internet. Fernsehleute müssen wissen, wie man ordentlich schreibt, Printleute müssen im Rundfunk sprechen können. Das ist die Zukunft und Medien suchen Journalisten, die das ganze Paket mitbringen.”
Doch wie Parks es mit diesem Grundsatz selbst hält, verrät ein Blick auf die Seite der Annenberg-Schule. Ordentlich gestückelt kommt dort der Master daher: Print, Broadcast, Online. Crossmedial sieht anders aus.
Genau so hatte ich mir eine Zukunft beim US-Militär vorgestellt. Nur: Dahin wollte ich nicht und will ich auch nicht.
Doch hat mich meine Universität jetzt zu Ende Juli zum “boot camp” eingeladen. Für mich hört sich das zwar eher nach dieser 90er Plastik-Band “Captain Jack” und Police Academy an. Aber es handelt sich um einen vorgezogenen Kurs über journalism principles and practices.
Dennoch habe ich zur Sicherheit, bevor ich in den Flieger steige, nochmal das Online-Wörterbuch leo zur Seite genommen. Was dort zu boot camp steht? Zunächst das Erwartete: ein Trainingslager für Rekruten. Dann etwas, das vielleicht eher mit Erziehung und Universität zu tun hat: Erziehungscamp für junge Straftäter.
Und hier noch einmal zurück zur Jugendsünde:
“Ejo Captain Jack
Bring me back on the railroad track
Give me a woman in my hand
I want to be the fucking man
Left, right, left
The military step
The airforce rap
The seventeen is the best
Goo, left, go right, go pick up the step, go left, go right, go left”
Aber noch ein Kommentar: Dieses Lied ist auch als Jugendsünde nicht zu verzeihen
Schnell ein nicht nur kurzes, sondern auch sehr leichtes Quiz:
Welche deutsche Stadt ist wie New York in den 80ern?
Und hier noch ein weiterer Hinweis, für die Jungs in der letzten Reihe:
Diesmal spricht der Regierende Bürgermeister von seiner Stadt:
“arm, aber sexy”.
Schluss damit. Der Blick aus Deutschland auf Berlin ist spätestens seit den bald wohl monatlichen Spiegel-Titel-Geschichten über das Comeback der Spree-Metropole geschärft.
Hier ein kurzer Film über die Expatriates im N.Y. der 80er, ähnlich heute in Berlin-Mitte zu sehen:
Jetzt aber schaut die N.Y.-Times in ihrem Reise-Magazin (”German Expressionism“) von außen auf die Stadt, und zwar mit der Brille der etwa 13.000 Amerikanern in der Stadt.
Mit einem Wort in dem Artikel können Berliner zunächst wohl nichts anfangen. “Expatriates” steht da immer wieder. Das sind so etwas wie beruflich bedingte Migranten. Aber weil wir hier nicht in Frankfurt, Hamburg oder München sind, tragen die beruflichen Aussiedler hier keine Anzüge und Krawatten, sondern meist Pinsel oder Gitarre - und erinnern wenig an White-Collar-Worker, aber stark an die wirtschaftliche Schwäche der Hauptstadt.
Da sind wir wieder bei Wowereits Motto für die Stadt. Und tatsächlich gibt auch der Artikel dem Mann aus dem Roten Rathaus Recht. Nach den Gründen für ihr Kommen befragt, nennt die kreative Klasse: politische Gründe, weil sie weg von Bush wollen; monetäre Gründe, weil sie sich hier einen nicht geahnten Lebensstandard leisten können; wirtschaftliche Gründe, weil Raum für Ateliers und Studios hier günstiger sei. Oder doch musischer und metaphorisch: “I had to get away from Miss Amerikka. Her cities are turning into malls.”
Aber am Ende siegt dann doch wieder der Trieb: Acht von zehn seien einfach deshalb hier, weil sie einen deutschen Partner gefunden hätten - also Liebe und Freiheit.
Und die freie Liebe der Stadt scheint mächtig: “Usually the relationship doesn’t last, but they stay anyway, because they have fallen in love with the city.” In Wowereits Worten: Berlin ist so sexy, dass sie sogar die Liebespaare entreisst.
Doch diesem Berlin mit seinem freien Leben droht das Ende.
Zum einen, weil jeder gute, aber auch jeder schlechte Künstler sich hier ein Leben leisten könne - oder wie der Besitzer der 8mm-Bar in der Schönhauser Allee die resultierende Anforderung ausdrückt: “So the test here is being able to live up to the creative standards you’ve set for yourself.”
Oder wie Ron Rineck, seit 1999 in Berlin, Karaoke-Bar-Betreiber mit unternehmerischer Angst vor dem langsam doch durchgedrücktem Rauchverbot sagt: Wenn dies noch strikter werde, werde er der Stadt seinen Rücken zukehren.
So etwas liest man nicht gern. Ich jedenfalls nicht.
Wie in jedem März hat das Unternehmen “Princeton Review” etwa 10.000 Schüler von High Schools sowie deren Eltern zu ihren Traum-Unis befragt.
Meine Uni, die American University, ist natürlich nicht unter den Top Ten. Dabei kann ich mich noch nicht einmal mit der Tatsache rausreden, dass ich nicht an meine Wunschuni empfohlen wurde. Denn auch diese fehlt in den Listen.
Hier die Top Ten der Schüler:
1. Harvard
2. Stanford
3. Princeton
4. NYU
5. Yale
6. Brown
7. Columbia
8. Cornell
9. Univ. of South. Calif.
10. UCLA
Und hier die Top Ten der Eltern:
1. Princeton
2. Stanford
3. Harvard
4. NYU
5. Notre Dame
6. Cornell
7. Duke
8. Yale
9. MIT
10. Brown
Blicke hinter diese Zahlen und weitere Informationen zum Studium in den USA auf dem sehr guten transatlantikticker.
Aufräumen geht ganz einfach. Besonders vor einem Umzug. Man breite seine Hände weit aus, packe soviel Mist wie in die Pranken passt und pfeffere alles in den nächstbesten Karton. So geht das bis der Karton randvoll ist. Bei mir ging es so weiter bis zum achten Karton. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!
Leider habe ich mich dabei auch von dem Schlüssel für mein Fahrradschloss verabschiedet. Er war in meinem Zimmer, irgendwo - jetzt liegt er in irgendeinem Karton 350 Kilometer entfernt bei meinen Eltern.
Am Wochenende noch lag sein Notebook auf dem Wohnzimmertisch - zwischen alten Magazinen und Zeitungen. Am Mittwoch fand Levy dort nur noch das Ladegerät. Seine Frau, so Levy, nehme gern den ganzen Papierstapel und werfe ihn in den Altpapier-Container. Und so verschwand offenbar das zu dünne Notebook.
Es gibt Umzüge, da helfen selbst die besten Freunde nicht: 5000 Kisten, 700 Computer und 100 Monitore. So sah der andere Umzug zu Ostern aus. Nämlich als die “Bild” über Nacht von Hamburg nach Berlin wechselte.
In die andere Richtung ging es bei mir, von Berlin-Mitte zurück aufs Land bei Hamburg. Jedenfalls für meine acht Kartons, eine Waschmaschine und drei Bücherregale. Nach Jahren in Hamburg, Leipzig und Berlin werden sie dort nun ein Jahr in der Garage meiner Eltern auf meine Rückkehr aus den USA warten.
Von den Zahlen her ein Umzug ohne Probleme. Doch am Ende des Tages blieben mir nur offene Fragen. Und Schuld war ausgerechnet die Hilfe meiner Freunde. Aber warum fange ich nicht gleich einmal an, von meinem Umzug zu erzählen.
Sieben Freunden hatte ich Bescheid gesagt. Kommt gegen 10.30 Uhr vorbei, Frühstück ist da, Kaffee noch viel mehr. Schnell saßen wir zu fünft in meiner Küche. Dann ging die Tür auf und ein mir unbekanntes Gesicht telefonierte und stammelte mir zu “bin ein Freund von Gregor, soll helfen”. Er telefonierte weiter und ging durch die Wohnung.
Ich schaute noch einmal auf mein Handy, auf eine SMS, die ich kurz zuvor empfangen hatte: Dort stand etwas von den zwei “Schokohasen” und ob die denn schon dort seien?
Es klingelte und der Freund von Bubba, dem Kleineren, kam herein. Aber wer waren die beiden?
Ich nahm mein Telefon und horchte bei meinen Freunden nach, die noch nicht in der Küche saßen. Die Antwort aus dem Hörer: “Ja, das ist unser Geschenk! Setzt euch hin, frühstückt in Ruhe und lasst die beiden mal machen. Die werden auch bezahlt.” Aha, war meine Reaktion. Ich legte auf und rief beim anderen Freund an. Ich: “Kommt ihr jetzt nicht mehr?” Er: “Nein? Wieso? Die beiden sind doch da oder?”
So stand ich in meiner Wohnung. Mit Freunden, die mir gleich beim Tragen helfen wollten, und zwei anderen, die von einem anderen Teil meiner Freunde für das Tragen bezahlt wurden. Sie wollten keinen Kaffee, wollten nichts essen. Demütig erkundigten sie sich, welche Kisten wohin müssten. Ein Glas Wasser? Ja, darüber würden sie sich freuen.
50 Minuten später. Der Transporter war voll. Alle hatten getragen.
Was mir blieb: großes Unverständnis und eine neue Erfahrung. Bisher sah ich in einem Umzug einen reinen Freundschaftsdienst. Ich bin Student, habe kein Geld. Mein Freunde sind Studenten, haben auch kein Geld. Wenn man Hilfe braucht, hilft man sich. Das war meine kleine Welt.
Geholfen wurde mir auch diesmal. Von dem einen Teil meiner Freunde persönlich, vom anderen Teil über bezahlte Umzugshelfer. Verständnis habe ich dafür nicht. Für mich ging es dabei um einen Freundschaftsdienst.
Erst wenn ich alleine vor der Waschmaschine verzweifelt wäre, hätte ich mir einen Umzugsservice gekauft. So stand ich in meiner Wohnung zwischen meinen Kartons und durfte demütigen Fremden Anweisungen geben. Ausgesucht hatte ich mir das nicht.
Verständnis für meine Haltung konnte dieser eine Teil meiner Freunde nicht aufbringen. Als Freunde sollte man doch lieber schöne Momente miteinander verbringen - aber doch keinen Umzug! Das wäre doch nur lästig. So meinten sie.
Recht haben sie.
Aber: Ich dachte, dass man gerade in diesen Momenten auf Freundschaft baut und nicht auf fremde Hilfe zurückgreifen muss. Irgendwie habe ich da einen Weiterdreh der Dienstleistungsgesellschaft nicht bekommen.
P.S. Der Kompass für die Internet-Suche nach einer Wohnung in den USA ist nun auch nach Deutschland gekommen: craigslist. Eine öde Bleiwüste, die aus einem kleinen Haus in San Francisco gemacht wird, und in den USA zu einer der meistgeklickten Seiten geworden ist.