Das meist benutzte Wort der Medien im Rennen um das Weiße Haus lautet: “presumptive”.
Obama ist der “presumptive Democratic nominee”, McCain der “presumptive Republican nominee”. Mutmaßlich, heißt dieses Wort übersetzt. Die Medien wollen damit sagen, dass beide zwar so dicht vor der offiziellen Nominierung für die Wahl zum US-Präsidenten stehen, beide aber noch von ihren Parteitagen offiziell nominiert werden müssen.
Es ist also die Vorsicht. Hier von Seiten der Medien. Denn beide, Obama und McCain, treten bereits auf, als seien sie die Kandidaten. Obama führe sich gar hier bei uns auf - so schreiben einige deutsche Medien -, als sei er bereits der nächste Präsident der USA. Wie könne er den sonst einfach mal so als mutmaßlicher Kandidat nachfragen, ob er nicht vor dem Brandenburger Tor in Berlin eine Rede halten könnte?
Und McCain? Der ist sich seiner Kandidatur offenbar so sicher, dass er diesen Sonntag erst einmal eine Auszeit vom Wahlkampf genommen hat.
Solch eine Vorsicht bei der medialen Wortwahl und gleichzeitig zwei gefühlte Präsidenten, die die US-Bundesstaaten rauf und runter missionieren, findet man in Deutschland nicht. Hier bei uns schweigt der Politiker und die Medien legen sich fest.
In der vergangenen Woche saß ich in der Humboldt-Universität bei einem Gespräch zwischen Frank-Walter Steinmeier und Spiegel-Redakteur Gerhard Spörl. Über sowas wie Deutschland und die Weltpolitik sollte es gehen. Doch dies und wohl die ersten 11/12 des Gesprächs interessierten eigentlich niemanden im Publikum. Man war hier, um den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD einmal zu erleben.
Schließlich haben nahezu alle Medien Steinmeier für diese Rolle besetzt. Da gibt es bereits seit Monaten kein “presumptive”. Und was sagt Steinmeier? Bisher hat er sich nicht festgelegt und immer auf eine Entscheidung nach den bayrischen Landtagswahlen im Herbst verwiesen. Aber nun, vielleicht ja hier.
Der Journalist Spörl darf diese Frage aber offenbar nicht stellen. Es sieht nach einem Deal aus: Der Außenminister kommt zu diesem Spiegel-Gespräch und bekommt dafür keine unliebsamen Fragen.
Kritischen Journalismus hat der Spiegel zumindest in diesem Raum aus der Hand gegeben. Als ein Student dann die K-Frage stellt, antwortet zunächst einmal Spörl: Endlich habe jemand diese Frage gestellt. Wenigstens hat Spörl erkannt, was die Menschen interessiert.
Und Steinmeier? Er sagt: “Wir haben einen festen Zeitplan und auch hier werde ich die Frage nicht beantworten können, die ich woanders nicht beantwortet habe.” Das verbale Rütteln am Zaun des Kanzleramtes klingt anders. Enttäuschung im Audimax. Wieder ein Tag ohne Outing des Außenministers.
Vielleicht erlebte das Publikum aber auch nur einen weiteren Obama-Moment Steinmeiers. Schließlich lautet für Obama eine der wichtigsten Regeln in der Politik: “Do the poll before you announce.” So schreibt er in Audacity of Hope.
Und so wartet Steinmeier weiter bis zum Herbst. Und rechnet.











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