Obamas derzeitiges Motto lautet einem amerikanischen Touristen ähnlich: “Doing Europe in five days.” Der demokratische Präsidentschaftsanwärter reist in weniger als einer Woche unter anderem nach Afghanistan, Irak und Europa. Damit streift er seine zukünftig womöglich wichtigsten außenpolitischen Landschaften. Hopp on, Hopp of. Hallo Krieg, hallo Angela. Thank you.
Ein US-Blogger hat wegen der ganzen Obamania gemutmaßt, dass der Senator den Atlantik gar zu Fuß überqueren würde.
Meine Reisen der letzten Tage gingen mit der Deutschen Bahn in die Vergangenheit: Schleswig-Holstein, Hamburg und Leipzig. Warum ich kurz vor meiner Abreise noch einmal an die Orte gefahren bin, wo ich bisher gelebt habe - das weiß ich gar nicht. Einen Zusammenhang gibt es da für mich nicht.
Das wäre vielleicht anders, wenn ich es gewohnt wäre, aus losen Geschehnissen eine großartig unterhaltsame Kette zu knüpfen. So, als wenn plötzlich jemand an meiner Tür klingeln würde und verlangt, dass ich aber bitte sofort völlig verschiedene, nichts verbindende Lieder zu einem Drehbuch für einen Film mit dem Titel “Mamma Mia” verpacken soll.
Take a chance?
Nein. Das kann ich nicht. Dafür ist dieser Film zu fantastisch oder mir mein Leben zu privat. Hier also nur lose Szenen meiner Reisen:
Bad Segeberg, Karl-May-Festspiele: Winnetou und Old Firehand sorgen sich um die nationale Sicherheit.
Leipzig: F/Stop, Internationals Fotografiefestival: Menschen in schwarz trinken Bionade und trauen sich erst gar nicht, das Wort “national” überhaupt auszusprechen.
Berlin, Küche: Mein persönliches nationales Sicherheitsrisiko - ein verbrannter Finger.
Was wohl der Mann von den US-Behörden bei meiner Einreise zu diesen Fingerabdrücken sagen wird?
Heute morgen drängte mich auf meinem Fahrrad eine dieser Polizeieskorten von der Straße ab. Ich hielt schnell an der Seite und blickte auf die vorbeiziehenden Motorräder.
Zwei fahren immer ganz schnell vorweg, um die nächste Kreuzung zu blockieren und wie Kinder zu gucken, ob die Luft rein ist. Dann folgen große, dunkle Autos mit getönten Scheiben. Da drin sitzen Politiker und so.
Diesmal haben sie mich und mein Fahrrad am Gendarmenmarkt getroffen. Nachdem sie sicher sein konnten, dass auch hier die Luft rein ist, blieben die dunklen Autos etwa auf der Höhe der Mitte des Platzes stehen.
Natürlich weiß ich nicht, wer in diesen Autos gesessen hat. Aber in meinen Gedanken war alles klar: Barack Obamas Beraterstab besucht schließlich heute die Stadt, um nach dem passenden Ort für seine Rede am 24. Juli zu suchen.
Ich stieg wieder auf mein Fahrrad und war im Gedanken aber doch ganz nah bei dem US-Demokraten. Ich blickte aus einem der dunklen Autos auf den Gendarmenmarkt und sagte abweisend zu meinen Kollegen auf der Rückbank: “Zu klein für Barack, zu unbekannt und vor allem zu alte Gebäude. Also: zu wenig Change-Gefühl”.
Zwei Minuten später, reale Zeit. Angekommen in der Humboldt-Universität entdeckte ich dann überraschend den richtigen Platz. Hierher sollten die dunklen Autos vielleicht kommen. Ein Platz, um vor der Diskussion um das Brandenburger Tor zu fliehen. Hier, im Foyer der Humboldt-Uni, steht der “change”, das Handeln, mit dem Obama um sich wirbt, förmlich an der Wand: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.”
Eigentlich ein passender Spruch für Obama. Man sollte den Menschen in den dunklen Autos aber wohl nicht sagen, dass unter dem Zitat der Name “Karl Marx” steht.
Die Blicke in Berlin sind heute auf die Mitte gerichtet. Dort wo sich Ost und West treffen, am Pariser Platz, öffnet die neue US-Botschaft.
Ein guter Anlass, um hier auf den vermeindlichen Verlierer zu schauen. Ganz im Sinne des US-Journalisten Gay Talese. Dieser wollte schreiben über “the overlooked nonnewsworthy population that is everywhere, but rarely taken into account by journalists and other chroniclers of reality”.
Blicken wir also auf die alte US-Botschaft (auf dem Foto links) in der Neustädtischen Kirchstraße, nur wenige Häuserblocks entfernt.
Dicke Betonpoller, rot-weiße Absperrgitter - seit Jahren waren die Straßen rund um die Botschaft für Autos gesperrt. Damit war ein Stück aus dem Herzen der Stadt gerissen. Während Unter den Linden und in der Friedrichstraße der Strom der Menschen zunahm und die Häuser herausgeputzt wurden, nahm das Leben bis an die Absperrungen ran eine Auszeit.
Gestern waren die Polizisten auf den Straßen schon fast verschwunden. Das Wachhäuschen vor der Botschaft war leer. Die Absperrungen standen noch. Die Poller waren an die Seite geräumt.
Der Häuserblock kehrt ins Leben zurück. Und was machen Berliner, wenn ein Sperre verschwindet? Ab 1989 klopften Mauerspechte Steine aus der Berliner Mauer und steckten sie ein. Gestern füllten einige sich erstmal den Sand aus den Absperrpollern in Plastiktüten. Vielleicht mögen Berliner Andenken an unliebsame Blockaden.
Und dann, hockend vor dem Kühlschrank, im Strom der kühlen Luft, merkt man, dass man wohl schon zuviel von der kommenden Zeit in Washington DC geredet hat.
Denn meine Frau antwortet mir nur: “Was hast Du mit Washington?”
Obwohl ich sie doch nur gefragt habe: “Hast Du schon den Schinken?”
Schnell ein nicht nur kurzes, sondern auch sehr leichtes Quiz:
Welche deutsche Stadt ist wie New York in den 80ern?
Und hier noch ein weiterer Hinweis, für die Jungs in der letzten Reihe:
Diesmal spricht der Regierende Bürgermeister von seiner Stadt:
“arm, aber sexy”.
Schluss damit. Der Blick aus Deutschland auf Berlin ist spätestens seit den bald wohl monatlichen Spiegel-Titel-Geschichten über das Comeback der Spree-Metropole geschärft.
Hier ein kurzer Film über die Expatriates im N.Y. der 80er, ähnlich heute in Berlin-Mitte zu sehen:
Jetzt aber schaut die N.Y.-Times in ihrem Reise-Magazin (”German Expressionism“) von außen auf die Stadt, und zwar mit der Brille der etwa 13.000 Amerikanern in der Stadt.
Mit einem Wort in dem Artikel können Berliner zunächst wohl nichts anfangen. “Expatriates” steht da immer wieder. Das sind so etwas wie beruflich bedingte Migranten. Aber weil wir hier nicht in Frankfurt, Hamburg oder München sind, tragen die beruflichen Aussiedler hier keine Anzüge und Krawatten, sondern meist Pinsel oder Gitarre - und erinnern wenig an White-Collar-Worker, aber stark an die wirtschaftliche Schwäche der Hauptstadt.
Da sind wir wieder bei Wowereits Motto für die Stadt. Und tatsächlich gibt auch der Artikel dem Mann aus dem Roten Rathaus Recht. Nach den Gründen für ihr Kommen befragt, nennt die kreative Klasse: politische Gründe, weil sie weg von Bush wollen; monetäre Gründe, weil sie sich hier einen nicht geahnten Lebensstandard leisten können; wirtschaftliche Gründe, weil Raum für Ateliers und Studios hier günstiger sei. Oder doch musischer und metaphorisch: “I had to get away from Miss Amerikka. Her cities are turning into malls.”
Aber am Ende siegt dann doch wieder der Trieb: Acht von zehn seien einfach deshalb hier, weil sie einen deutschen Partner gefunden hätten - also Liebe und Freiheit.
Und die freie Liebe der Stadt scheint mächtig: “Usually the relationship doesn’t last, but they stay anyway, because they have fallen in love with the city.” In Wowereits Worten: Berlin ist so sexy, dass sie sogar die Liebespaare entreisst.
Doch diesem Berlin mit seinem freien Leben droht das Ende.
Zum einen, weil jeder gute, aber auch jeder schlechte Künstler sich hier ein Leben leisten könne - oder wie der Besitzer der 8mm-Bar in der Schönhauser Allee die resultierende Anforderung ausdrückt: “So the test here is being able to live up to the creative standards you’ve set for yourself.”
Oder wie Ron Rineck, seit 1999 in Berlin, Karaoke-Bar-Betreiber mit unternehmerischer Angst vor dem langsam doch durchgedrücktem Rauchverbot sagt: Wenn dies noch strikter werde, werde er der Stadt seinen Rücken zukehren.
Vor wenigen Wochen hat Axel Hacke auf der letzten Seite im “Süddeutschen Magazin” auf einen großen Trend unseres Zeitalters hingewiesen:dass man alles selber machen muss.
Die Schrippe aus dem Supermarkt muss man selbst per Zange in die Tüte befördern, die Milch muss man selbst holen und die Möbel, die baut man selbst zusammen.Hacke nimmt das hin. Zunächst.
Dann tritt sein hygienisches Bewusstsein auf und seine Angst vor der großen Pause in der Kühlkette: Frühstücksbuffets zur Selbstbedienung.
Vor mir liegt nun ein weiterer Höhepunkt dieser Trendwelle: ein Reiseführer für Washington D.C.
Darin: ein bisschen Stadtplan der amerikanischen Hauptstadt, ein U-Bahn-Netz, vier Seiten Informationen mit Schuhgrößen, Temperatur- und Geschwindigkeitsangaben - und dann bis ich wieder am schwarzen Hardcover-Umschlag angekommen bin: viele weiße Seiten.
Das macht natürlich keinen Sinn, ist aber wohl “sehr cool”. Denn dieser Reiseführer ist von “Moleskine”; oder sollte ich besser wie ein Freund von mir über dieses kleine, schwarze Buch sprechen, und liebevoll stilbewusst “mein” Moleskine sagen?
Jedenfalls fehlen diesem Handbuch fast alle Vorzüge, wie sie Führer und Nachschlagewerke gewöhnlich haben. Mein Moleskine ist damit ein Anti-Baedeker: schwarz und nicht rot, ohne Auskünfte über Sehenswürdigkeiten, Pläne, Karten, Zimmerpreise.
Karl Schlögel hat in seinem Buch “Im Raume lesen wir die Zeit” das Wesentliche, leicht Übersehbare dieser zunächst bloßen Informationen im Reiseführer herausgehoben: Der Baedeker “bildet kulturelle Räume ab, und er wirkt selbst mit bei der Produktion und Konstitution von kulturellen Räumen”.
Baedeker komponieren demnach Dichte, bilden so genannte mental maps ab. Der Reisende soll sich in Kürze in dem fernen Netzwerk zurechtfinden, das der Baedeker zeichnet.
Wer sich in einer unbekannten Stadt auf seinen neuen Moleskine verlässt, steht vor dem Nichts.
Warum das so ist, darüber berichtet das Magazin “brand eins” in seiner neuen Ausgabe sehr informativ. Zunächst: Nicht nur in einem Moleskine trifft man auf die große Leere. Das gilt auch für die sagenhafte Geschichte der Marke: Sie ist nämlich frei erfunden.
Aber toll hört sie sich schon an: Nach Angaben der produzierenden Firma Modo & Modo aus Italien benutzten bereits Hemingway, Picasso, Wilde oder Sartre das Buch für Notizen. So schreibt es der englische Reiseschriftsteller Bruce Chatwin in seinem Buch “Traumpfade” aus dem Jahr 1987. Auch der Protagonist nutzte diese Bücher und kaufte sie immer wieder in einem bestimmten kleinen Geschäft, wenn er nach Paris kam. Damit war Schluss, als mit dem Lieferanten aus Tours der einzige Hersteller gestorben war.
So endet die legendäre Moleskine-Geschichte ganz prosaisch - bis 1998 Modo & Modo die Produktion übernahm.
Doch ist dieser Zeitpunkt, so “brand eins” weiter, vielmehr der Anfang der Geschichte des kleinen Buches. Denn alles andere zuvor ist bloß ausgedacht.
Die Wahrheit: Ein Mitarbeiterin von Modo & und Modo stolperte in den 90er Jahren über die Stelle in Chatwins Buch, machte sich auf die Suche nach dem Buch - aber erfolglos. Was die Firma jedoch machte: Sie übernahm die fiktive Geschichte aus dem Roman und erzählte sie weiter. Mit kommerziellem Happy End.
Vielleicht haben Baedeker und Moleskine damit aber doch ein paar Gemeinsamkeiten. Der eine lieferte zwar bereits im 18. Jahrhundert Unmengen von Informationen, und der andere liefert heute rein gar nichts.
Aber wohl beide bedienen Sehnsüchte ihrer Zeit, wie es in dem Artikel über Moleskine heißt: Wer einen Ort nicht kennt, muss ihn erst erfahren. Das kostet Zeit. Und diese ist wertvoll und fehlt vielen heutzutage. Damit steigt dann auch der Wert des selbstgemachten Buches - rein ideell.
Mein Moleskine City-Guide wird mich also dazu bringen, meinen ersten Stadtführer selbst zu verfassen. Zurück bin ich damit wieder beim Kern eines Reiseführers, den Schlögel bereits für den Baedeker ausgemacht hat: Beide bilden kulturelle Räume ab, und beide wirken bei der Produktion und Konstitution von kulturellen Räumen mit.
Meiner als Produkt der 90er setzt auf Individualität, Selbsterfahrung. Das alles in einem Medienzeitalter, das mit seinen E-Mails oder Handys angeblich genau diese Sinneseindrücke rar macht.
Man muss eben nicht nur alles selbst machen. Vielleicht darf man alles selbst machen. Moleskine hat mir in mein kleines Buch jedenfalls noch einen Zettel reingelegt. Womit sie mir offenbar zeigen wollen, dass ich als Käufer ganz nah dran bin an der Firma, dem Mythos.
Dort steht: “We would be grateful if you would advise us of any inaccuracies you may find” - was dann doch eher unwahrscheinlich ist bei so vielen leeren Seiten.
Schönste, hässlichste, grünste und auch gern mal die braunste - neben den “Immer-mehr”-Trendartikeln schleudern Medien regelmäßig Städte-Ranglisten raus.
“Forbes.com” hat nun die “schlausten” US-Städte gekürt. Auf dem Siegertreppchen: 1. Boulder, 2. Bethesda-Gaithersburg-Frederick, 3. Ithaca.
Noch nie von diesen Städten gehört? Darüber, dass “Forbes” nämlich gar keine Städte, sondern Metropolitan Statistical Areas bewertet hat, lästert dann auch der “CJR”.
Und auch der oftmals abstruse Ranking-Wahn wird gleich mit abgefertigt: “,Smartest Cities’ list is stupid even for a list”.
Nur noch wenige Monate. Dann werde ich voraussichtlich importiert. Und zwar vom Bildungssystem der USA. Doch keine Sorge: Das ist meine Absicht.
Und das ist der traditionelle Weg. Aus der ganzen Welt und vor allem aus Asien strömen die Studenten in die USA. Doch mittlerweile ändert sich das Bild: Immer mehr US-Unis eröffnen weltweit Dependancen. Bildung made in USA als Exportfaktor, wie die N.Y.-Times heute berichtet. Der Präsident der New York University wird sogar zum globalen Bildungspendler.
Im Jahr 2010 will die Universität aus dem Zentrum Manhattans ein Standbein in der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate eröffnen. John Sexton, Präsident der Universität, wird bereits ab dem kommenden Herbst Kurse in Abu Dhabi geben - und zwar jeden Sonntag. Dafür nimmt er freitags in N.Y. im Flieger Platz, landet einen Tag später am Golf und öffnet am Montag wieder sein Büro in der Heimat.
Der Mittlere Osten steht im Zentrum des amerikanischen Bildungssprungs. In Quatar können Studenten bereits frei von kulturellen Schocks oder Visa-Probleme das US-Bildungssystem erfahren. Beispiele sind das Weill Medical College der Cornell University, Politik der Georgetown oder auch Journalismus an der Northwestern - eines der besten Programme der USA.
Den Hintergrund bildet der Umbau vieler Unis zu so genannten “global universities”. Beim Übergang zur Wissensgesellschaft wird Bildung zur Ressource für Wirtschaftswachstum. Und dafür sollen weltweit dei besten Köpfe gefunden werden.
Und zwar für die eigene, meist private Uni. Traditionelle Partnerschaften zwischen Unis in den Bereichen Forschung und Lehre oder Austauschprogramme sind dabei immer mehr von gestern. Heute zählt die direkte Bindung des Nachwuchses unter dem eigenen Dach.
Die Internationalisierung ruft aber auch Kritik hervor. Werden die Programme im Ausland auch amerikanische Werte und Kultur repräsentieren? Werden am Ende gar US-Steuerzahler für die Kosten herhalten? Was passiert, wenn die politischen Beziehungen zum anderen Land frostiger werden? Und: Wird sich Amerikas Volkswirtschaft durch die Ausbildung auf fremden Märkten im späteren Wettbewerb selbst schädigen?
Doch die Zweifel stehen momentan im Hintergrund. Die Amerikaner erforschen eher mit leichtem Goldrausch den Bildungsglobus. Rückschläge durch lokale Vorschriften oder Behörden zum Beispiel in Akkreditierungsfragen können den Entdeckungsdrang dabei kaum aufhalten. Oder wie der Artikel Dawood Farahi, den Präsidenten der Kean University mit Expansionsplänen in China, zitiert: “I’m Lewis and Clark looking for the Northwest Passage.”
Und wo ich es gerade lese: Der “Spiegel” berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über eine deutsche Uni und ihre Bauprojekte im Mittleren Osten. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen richtet demnach in der omanischen Hauptstadt Maskat eine Zweigstelle für 2000 Studenten ein.
Warum nicht gleich einmal auf das hinweisen, was zwei wichtige Themen dieses Blogs – nämlich Journalismus und Stadtlandschaften – zusammenhält: die Reportage um 1900.
Denn offenbar besteht eine enge Verknüpfung zwischen dem Aufkommen der Massenpresse und der unaufhörlichen Zuwanderung in die lärmenden, dampfenden und elekrisierten Städte der Jahrhundertwende. Dies beschreibt so zum Beispiel der Wissenschaftler Rolf Lindner in einem Buch von 1990.
Ein Blick zurück: Die Urbanisierung erweckt Massenmedien zum Leben und zentrales Thema der Blätter waren die kaum fassbaren Facetten der Großstadt. Zeitungen sammelten und erklärten die tausenden Eindrücke.
Erlebnisse werden zu Geschichten, die in diesen Jahren nach und nach unter verschiedenen Überschriften zusammengefasst werden: “Es entstehen verschiedene Genres von Reportagen, die als Vorläufer der Stadtkulturforschung der Chicago School betrachtet werden können”, schreiben die Soziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel in ihrer Einführung zur Stadtsoziologie. Damit ist die Stadtforschung in ihrer heutigen Ausprägung geboren.
Hinter den Geschichten stehen Reporter – Männer und Frauen. Sie alle jagen Neuigkeiten und nehmen ihre Leser mittels der gedruckten Texte mit zu den Knoten des Lebens. Polizeireporter dorthin, wo das Verbrechen lauert: also im Gericht, vor dem Knast und manchmal wohnen sie sogar gleich Tür an Tür mit der Polizei. Undercover lassen sich Kühne wie Nellie Bly in Irrenhäuser einweisen und prangern die Misstände an. Das muckraking als Vorgänger des heutigen so genannten investigativen Journalismus deckt Korruption auf und die rasant voranschreitende Foto-Technik illustiert Elend und Glanz der Metropolen.
Doch nicht nur der Inhalt, sondern auch die Aufmachung verweist auf Tendenzen im heutigen Journalismus und Aspekte der wissenschaftlichen Stadtforschung. Laut Lindner waren die Reportagen gespickt mit Plänen, Diagrammen und Statistiken – also Beistellern aller Art. Die Reportagen machen die News der Großstadt erfahrbar.
Eines muss ich gleich zugeben: Ich wohne sehr gern in der Mitte meiner Stadt. Mein liebster Grund als Geograph lautet: Fettleibigkeit. Oder besser vielleicht: der Schutz davor, weil ich wohne, wo ich wohne.
Denn gesunde Schulspeistung oder Große Pausen bei Burgerketten, bildungsnah oder bildungsfern, hin oder her: Die Lage des Wohnortes entscheidet mit über die Anzahl der Pfunde. Mein Glück als Bewohner der Stadtmitte: Wer im so genannten Speckgürtel wohnt - nun ja: ist eben speckiger. Über diesen Zusammenhang hat die “Washington Post” bereits vor einigen Jahren berichtet.
Der Grund: Laut einer Umfrage des “Buckeye Institute for Public Solutions” unter 200.000 Menschen in 448 Landkreisen der USA legen die Einwohner von entfernt liegenden Gegenden weniger Strecken zu Fuß zurück. Als Folge wiegen sie im Durchschnitt 6 Pfund mehr.
Eine Verbindung besteht dabei auch zum urban sprawl, der räumlichen Zersplitterung und Ausdehnung der Städte. Je stärker Städte expandieren, desto weniger gehen die Bewohner in ihrer Freizeit zu Fuß.
Welche Erkenntnis aus dieser Studie zu ziehen sind? Der Lebensstil hängt zum Teil mit der Wohnform zusammen. Mehr nicht? Mehr nicht.
"Amerikaner lieben es, über sich selbst zu reden. Je weniger sie wissen, desto mehr wollen sie diskutieren." (Ken Layne von Wonkette im "Spiegel" auf die Frage, warum Blogs in Amerika so beliebt sind)