Heute morgen drängte mich auf meinem Fahrrad eine dieser Polizeieskorten von der Straße ab. Ich hielt schnell an der Seite und blickte auf die vorbeiziehenden Motorräder.
Zwei fahren immer ganz schnell vorweg, um die nächste Kreuzung zu blockieren und wie Kinder zu gucken, ob die Luft rein ist. Dann folgen große, dunkle Autos mit getönten Scheiben. Da drin sitzen Politiker und so.
Diesmal haben sie mich und mein Fahrrad am Gendarmenmarkt getroffen. Nachdem sie sicher sein konnten, dass auch hier die Luft rein ist, blieben die dunklen Autos etwa auf der Höhe der Mitte des Platzes stehen.
Natürlich weiß ich nicht, wer in diesen Autos gesessen hat. Aber in meinen Gedanken war alles klar: Barack Obamas Beraterstab besucht schließlich heute die Stadt, um nach dem passenden Ort für seine Rede am 24. Juli zu suchen.
Ich stieg wieder auf mein Fahrrad und war im Gedanken aber doch ganz nah bei dem US-Demokraten. Ich blickte aus einem der dunklen Autos auf den Gendarmenmarkt und sagte abweisend zu meinen Kollegen auf der Rückbank: “Zu klein für Barack, zu unbekannt und vor allem zu alte Gebäude. Also: zu wenig Change-Gefühl”.
Zwei Minuten später, reale Zeit. Angekommen in der Humboldt-Universität entdeckte ich dann überraschend den richtigen Platz. Hierher sollten die dunklen Autos vielleicht kommen. Ein Platz, um vor der Diskussion um das Brandenburger Tor zu fliehen. Hier, im Foyer der Humboldt-Uni, steht der “change”, das Handeln, mit dem Obama um sich wirbt, förmlich an der Wand: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.”
Eigentlich ein passender Spruch für Obama. Man sollte den Menschen in den dunklen Autos aber wohl nicht sagen, dass unter dem Zitat der Name “Karl Marx” steht.
Das meist benutzte Wort der Medien im Rennen um das Weiße Haus lautet: “presumptive”.
Obama ist der “presumptive Democratic nominee”, McCain der “presumptive Republican nominee”. Mutmaßlich, heißt dieses Wort übersetzt. Die Medien wollen damit sagen, dass beide zwar so dicht vor der offiziellen Nominierung für die Wahl zum US-Präsidenten stehen, beide aber noch von ihren Parteitagen offiziell nominiert werden müssen.
Es ist also die Vorsicht. Hier von Seiten der Medien. Denn beide, Obama und McCain, treten bereits auf, als seien sie die Kandidaten. Obama führe sich gar hier bei uns auf - so schreiben einige deutsche Medien -, als sei er bereits der nächste Präsident der USA. Wie könne er den sonst einfach mal so als mutmaßlicher Kandidat nachfragen, ob er nicht vor dem Brandenburger Tor in Berlin eine Rede halten könnte?
Und McCain? Der ist sich seiner Kandidatur offenbar so sicher, dass er diesen Sonntag erst einmal eine Auszeit vom Wahlkampf genommen hat.
Solch eine Vorsicht bei der medialen Wortwahl und gleichzeitig zwei gefühlte Präsidenten, die die US-Bundesstaaten rauf und runter missionieren, findet man in Deutschland nicht. Hier bei uns schweigt der Politiker und die Medien legen sich fest.
In der vergangenen Woche saß ich in der Humboldt-Universität bei einem Gespräch zwischen Frank-Walter Steinmeier und Spiegel-Redakteur Gerhard Spörl. Über sowas wie Deutschland und die Weltpolitik sollte es gehen. Doch dies und wohl die ersten 11/12 des Gesprächs interessierten eigentlich niemanden im Publikum. Man war hier, um den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD einmal zu erleben.
Schließlich haben nahezu alle Medien Steinmeier für diese Rolle besetzt. Da gibt es bereits seit Monaten kein “presumptive”. Und was sagt Steinmeier? Bisher hat er sich nicht festgelegt und immer auf eine Entscheidung nach den bayrischen Landtagswahlen im Herbst verwiesen. Aber nun, vielleicht ja hier.
Der Journalist Spörl darf diese Frage aber offenbar nicht stellen. Es sieht nach einem Deal aus: Der Außenminister kommt zu diesem Spiegel-Gespräch und bekommt dafür keine unliebsamen Fragen.
Kritischen Journalismus hat der Spiegel zumindest in diesem Raum aus der Hand gegeben. Als ein Student dann die K-Frage stellt, antwortet zunächst einmal Spörl: Endlich habe jemand diese Frage gestellt. Wenigstens hat Spörl erkannt, was die Menschen interessiert.
Und Steinmeier? Er sagt: “Wir haben einen festen Zeitplan und auch hier werde ich die Frage nicht beantworten können, die ich woanders nicht beantwortet habe.” Das verbale Rütteln am Zaun des Kanzleramtes klingt anders. Enttäuschung im Audimax. Wieder ein Tag ohne Outing des Außenministers.
Vielleicht erlebte das Publikum aber auch nur einen weiteren Obama-Moment Steinmeiers. Schließlich lautet für Obama eine der wichtigsten Regeln in der Politik: “Do the poll before you announce.”
Und so wartet Steinmeier weiter bis zum Herbst. Und rechnet.
Im Anzug dribbelt Barack Obama einen Basketball auf einem kleinen Fetzen Asphalt. Im Hintergrund die weite Leere des Mittleren Westen.
Nächstes Bild: John McCain bei einem Town Hall Meeting in Houston. Mit starrem Blick. Wie ein Großvater, dem seine Kinder keine Fragen mehr stellen, obwohl er doch die meiste Lebenserfahrung hat.
Wahlkampf ist Arbeit. Wahlkampf sind die Fotos dieser Arbeit. Wahlkampf ist für Politiker das Ringen um das eigene Bild in der Öffentlichkeit.
Und vor allem ist Wahlkampf alles andere als Photoshop. Kein Retuschieren. Die Fotografen halten immer und überall drauf - und warten auf die Momente, in denen den Kandidaten einmal die Selbstkontrolle verloren geht.
Entstanden ist im Vorfeld der diesjährigen Wahlen ein fotographischer Katalog Amerikas. Die Höhepunkte hat am vergangenen Sonntag die “Washington Post” in ihrem Magazin gezeigt.
Auf dem letzten Bild dann ein müder Barack Obama. Zusammengeknickt im Ledersessel, das rechte Bein hochgelegt. Die Augen in Richtung des Fotografen. Für Post-Redakteur Achenbach auch ein Blick, der um die Macht der Bilderauswahl weiß: “He’s looking nearly directly at us. Wondering what we’re going to decide.”
Die Blicke in Berlin sind heute auf die Mitte gerichtet. Dort wo sich Ost und West treffen, am Pariser Platz, öffnet die neue US-Botschaft.
Ein guter Anlass, um hier auf den vermeindlichen Verlierer zu schauen. Ganz im Sinne des US-Journalisten Gay Talese. Dieser wollte schreiben über “the overlooked nonnewsworthy population that is everywhere, but rarely taken into account by journalists and other chroniclers of reality”.
Blicken wir also auf die alte US-Botschaft (auf dem Foto links) in der Neustädtischen Kirchstraße, nur wenige Häuserblocks entfernt.
Dicke Betonpoller, rot-weiße Absperrgitter - seit Jahren waren die Straßen rund um die Botschaft für Autos gesperrt. Damit war ein Stück aus dem Herzen der Stadt gerissen. Während Unter den Linden und in der Friedrichstraße der Strom der Menschen zunahm und die Häuser herausgeputzt wurden, nahm das Leben bis an die Absperrungen ran eine Auszeit.
Gestern waren die Polizisten auf den Straßen schon fast verschwunden. Das Wachhäuschen vor der Botschaft war leer. Die Absperrungen standen noch. Die Poller waren an die Seite geräumt.
Der Häuserblock kehrt ins Leben zurück. Und was machen Berliner, wenn ein Sperre verschwindet? Ab 1989 klopften Mauerspechte Steine aus der Berliner Mauer und steckten sie ein. Gestern füllten einige sich erstmal den Sand aus den Absperrpollern in Plastiktüten. Vielleicht mögen Berliner Andenken an unliebsame Blockaden.
“Oh wär’ ich doch ein Narr!
Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke.” Wie es Euch gefällt
Erste Szene
Zimmer im Weißen Haus. 2005
Barack Obama steht eben auf und geht zur Tür des Blue Rooms. Ein junger Marineoffizier steht wenige Meter vor dem Durchgang und stellt sich Obama in den Weg. Aus dem Blue Room hört man laute Wortfetzen, darunter deutlich die von George W. Bush.
Marineoffizier. “The photograph session is over! The president needs to get to his next appointment!” Obama. (stoppt, will umdrehen) Bush. (erscheint im Durchgang und winkt Obama zu sich herein) Obama! Obama. (geht am Marineoffizier links vorbei die wenigen Schritte auf Bush zu) Bush. (nimmt Obamas Hand, schüttelt sie kräftig) Come here and meet Laura. (zu Laura, die einen halben Meter hinter Bush im Blue Room steht) Laura, you remember Obama. We saw him on TV during election night. (Bush wieder zu Obama) Beautiful family. And that wife of yours-that’s one impressive lady.” Obama. (schüttelt Lauras Hand und spricht zu Bush) We both got better than we deserve, Mr. President.” Bush. (hinter leicht vorgehaltener Hand zu Obama): Come over here for a second. (Beide gehen in eine Ecke des Raumes, Bush spricht leise) You know, I hope you don’t mind me giving you a piece of advice.” Obama. Not at all, Mr. President. Bush. (nickt kurz und blickt Obama an) You’ve got a bright future. Very bright. But I’ve been in this town awhile and, let me tell you, it can be tough. When you get a lot of attention like you’ve been getting, people start gunnin’ for ya. And it won’t necessarily just be coming from my side, you understand. From yours, too. Everybody’ll be waiting for you to slip, know what I mean? So watch for yourself.” Obama. Thanks for the advice, Mr. President. Bush. All right. I gotta get going. (Beide treten zusammen von der Bühne ab, redend. Obama legt im Gespräch freundschaftlich seinen Arm über Bushs Schulter)
Sehr gute Journalisten sollen wie kleine Kinder sein. Immer wieder nachfragen. Wer? Was? Wann? Und Qualitätszeitungen behalten dann auch noch stets die Hintergründe im Blick: Wieso? Weshalb? Warum?
Die besten Journalisten glauben sich allerdings weiter. Sie brauchen gar nicht mehr fragen, sondern geben Antworten. Sie schreiben Kommentare, legen ihre Meinungen über das Land. Warum? Das ist nicht immer so klar.
Heute hat Josef Joffe, Herausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit”, kurz und bündig zugeschlagen. Während Anzeigenerlöse von Printmedien weltweit fallen, erklärt Joffe mal schnell in gefühlten zehn Zeilen, wie Zeitungen im Internet überleben können.
Die Lösung sei einfach: “Die Zeitung muss Standards wahren.” Für Joffe heißt das, man müsse etwas zu sagen haben, “was interessant und wichtig” sei.
Demnach muss die Zeitung einfach so weitermachen. Dass so allein aber dem Journalismus bald die Luft ausgehen wird, zeigen Budgetkürzungen und Personaleinsparungen bei guten Zeitungen seit Jahren.
Joffe sagt uns, was wir längst wissen. Das kann zwar die Einleitung, aber nicht der Hauptteil eines Textes über die Zukunft sein. Lautet die Frage nicht eher: Welche technischen Innovationen können Zeitungen wie nutzen, um weiter solide recherchierte Geschichten fesselnd zu erzählen?
Unter anderem schreibt Joffe auch, dass man “Interessantes vom Belanglosen zu trennen” habe. Gibt man bei Google übrigens “Zukunft des Journalismus” ein, folgen 114.000 Treffer. Wahrscheinlich sind sehr viele davon interessanter als Joffes Artikel. Leider.
Noch drei Wochen. Solange wird dieser Blog ohne neue Beiträge bleiben.
Ähnlich also wie in den vergangenen Tagen. Grund dafür sind meine Abschlussprüfungen. Durch diese wurde ich nämlich zunächst zum Berg, zum Gletscher, zur Stadt - zack zack. Und nun noch für eine kurze Zeit zum Dramatiker im 19. Jahrhundert und Morphologe.
“Macht kaputt, was euch kaputt macht.” Krachen soll es. Ins Positive und auf den heutigen Zeitungs-Journalismus übertragen lautet dieser Hit: “Mach interessant, was wichtig ist.” Diese Losung gibt in der heutigen gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung der Pulitzer-Preisträger und Direktor der Annenberg School of Journalism der University of Southern California.
“Nicht der Inhalt ist König, sondern die Leser sind die Könige, die man davon überzeugen muss, zu lesen. Es gibt jetzt einen journalistischen Imperativ: Mach interessant, was wichtig ist.”
Kurz vor dem Abgrund sieht Parks den Journalismus damit nicht. Er beobachte viel eher einen “Schumpeter’schen Moment schöpferischer Zerstörung” - welche Ausprägungen der Medien letztlich im Wettbewerb die Überhand gewinnen werden, ist demnach völlig unklar. Wer laut Parks aber qualitätsvolle Nachrichten liefere, werde profitieren.
Sein Schlusswort für die Ausbildung junger Journalismus-Studenten rückt dann das Zauberwort vom Crossmedialen in den Mittelpunkt:
“Jeder muss lernen, zu berichten, zu schreiben, zu redigieren, und zu produzieren - für Zeitungen, fürs Radio, fürs Fernsehen und fürs Internet. Fernsehleute müssen wissen, wie man ordentlich schreibt, Printleute müssen im Rundfunk sprechen können. Das ist die Zukunft und Medien suchen Journalisten, die das ganze Paket mitbringen.”
Doch wie Parks es mit diesem Grundsatz selbst hält, verrät ein Blick auf die Seite der Annenberg-Schule. Ordentlich gestückelt kommt dort der Master daher: Print, Broadcast, Online. Crossmedial sieht anders aus.
Genau so hatte ich mir eine Zukunft beim US-Militär vorgestellt. Nur: Dahin wollte ich nicht und will ich auch nicht.
Doch hat mich meine Universität jetzt zu Ende Juli zum “boot camp” eingeladen. Für mich hört sich das zwar eher nach dieser 90er Plastik-Band “Captain Jack” und Police Academy an. Aber es handelt sich um einen vorgezogenen Kurs über journalism principles and practices.
Dennoch habe ich zur Sicherheit, bevor ich in den Flieger steige, nochmal das Online-Wörterbuch leo zur Seite genommen. Was dort zu boot camp steht? Zunächst das Erwartete: ein Trainingslager für Rekruten. Dann etwas, das vielleicht eher mit Erziehung und Universität zu tun hat: Erziehungscamp für junge Straftäter.
Und hier noch einmal zurück zur Jugendsünde:
“Ejo Captain Jack
Bring me back on the railroad track
Give me a woman in my hand
I want to be the fucking man
Left, right, left
The military step
The airforce rap
The seventeen is the best
Goo, left, go right, go pick up the step, go left, go right, go left”
Aber noch ein Kommentar: Dieses Lied ist auch als Jugendsünde nicht zu verzeihen
"Amerikaner lieben es, über sich selbst zu reden. Je weniger sie wissen, desto mehr wollen sie diskutieren." (Ken Layne von Wonkette im "Spiegel" auf die Frage, warum Blogs in Amerika so beliebt sind)