Noch drei Wochen. Solange wird dieser Blog ohne neue Beiträge bleiben.
Ähnlich also wie in den vergangenen Tagen. Grund dafür sind meine Abschlussprüfungen. Durch diese wurde ich nämlich zunächst zum Berg, zum Gletscher, zur Stadt - zack zack. Und nun noch für eine kurze Zeit zum Dramatiker im 19. Jahrhundert und Morphologe.
Vor wenigen Wochen hat Axel Hacke auf der letzten Seite im “Süddeutschen Magazin” auf einen großen Trend unseres Zeitalters hingewiesen:dass man alles selber machen muss.
Die Schrippe aus dem Supermarkt muss man selbst per Zange in die Tüte befördern, die Milch muss man selbst holen und die Möbel, die baut man selbst zusammen.Hacke nimmt das hin. Zunächst.
Dann tritt sein hygienisches Bewusstsein auf und seine Angst vor der großen Pause in der Kühlkette: Frühstücksbuffets zur Selbstbedienung.
Vor mir liegt nun ein weiterer Höhepunkt dieser Trendwelle: ein Reiseführer für Washington D.C.
Darin: ein bisschen Stadtplan der amerikanischen Hauptstadt, ein U-Bahn-Netz, vier Seiten Informationen mit Schuhgrößen, Temperatur- und Geschwindigkeitsangaben - und dann bis ich wieder am schwarzen Hardcover-Umschlag angekommen bin: viele weiße Seiten.
Das macht natürlich keinen Sinn, ist aber wohl “sehr cool”. Denn dieser Reiseführer ist von “Moleskine”; oder sollte ich besser wie ein Freund von mir über dieses kleine, schwarze Buch sprechen, und liebevoll stilbewusst “mein” Moleskine sagen?
Jedenfalls fehlen diesem Handbuch fast alle Vorzüge, wie sie Führer und Nachschlagewerke gewöhnlich haben. Mein Moleskine ist damit ein Anti-Baedeker: schwarz und nicht rot, ohne Auskünfte über Sehenswürdigkeiten, Pläne, Karten, Zimmerpreise.
Karl Schlögel hat in seinem Buch “Im Raume lesen wir die Zeit” das Wesentliche, leicht Übersehbare dieser zunächst bloßen Informationen im Reiseführer herausgehoben: Der Baedeker “bildet kulturelle Räume ab, und er wirkt selbst mit bei der Produktion und Konstitution von kulturellen Räumen”.
Baedeker komponieren demnach Dichte, bilden so genannte mental maps ab. Der Reisende soll sich in Kürze in dem fernen Netzwerk zurechtfinden, das der Baedeker zeichnet.
Wer sich in einer unbekannten Stadt auf seinen neuen Moleskine verlässt, steht vor dem Nichts.
Warum das so ist, darüber berichtet das Magazin “brand eins” in seiner neuen Ausgabe sehr informativ. Zunächst: Nicht nur in einem Moleskine trifft man auf die große Leere. Das gilt auch für die sagenhafte Geschichte der Marke: Sie ist nämlich frei erfunden.
Aber toll hört sie sich schon an: Nach Angaben der produzierenden Firma Modo & Modo aus Italien benutzten bereits Hemingway, Picasso, Wilde oder Sartre das Buch für Notizen. So schreibt es der englische Reiseschriftsteller Bruce Chatwin in seinem Buch “Traumpfade” aus dem Jahr 1987. Auch der Protagonist nutzte diese Bücher und kaufte sie immer wieder in einem bestimmten kleinen Geschäft, wenn er nach Paris kam. Damit war Schluss, als mit dem Lieferanten aus Tours der einzige Hersteller gestorben war.
So endet die legendäre Moleskine-Geschichte ganz prosaisch - bis 1998 Modo & Modo die Produktion übernahm.
Doch ist dieser Zeitpunkt, so “brand eins” weiter, vielmehr der Anfang der Geschichte des kleinen Buches. Denn alles andere zuvor ist bloß ausgedacht.
Die Wahrheit: Ein Mitarbeiterin von Modo & und Modo stolperte in den 90er Jahren über die Stelle in Chatwins Buch, machte sich auf die Suche nach dem Buch - aber erfolglos. Was die Firma jedoch machte: Sie übernahm die fiktive Geschichte aus dem Roman und erzählte sie weiter. Mit kommerziellem Happy End.
Vielleicht haben Baedeker und Moleskine damit aber doch ein paar Gemeinsamkeiten. Der eine lieferte zwar bereits im 18. Jahrhundert Unmengen von Informationen, und der andere liefert heute rein gar nichts.
Aber wohl beide bedienen Sehnsüchte ihrer Zeit, wie es in dem Artikel über Moleskine heißt: Wer einen Ort nicht kennt, muss ihn erst erfahren. Das kostet Zeit. Und diese ist wertvoll und fehlt vielen heutzutage. Damit steigt dann auch der Wert des selbstgemachten Buches - rein ideell.
Mein Moleskine City-Guide wird mich also dazu bringen, meinen ersten Stadtführer selbst zu verfassen. Zurück bin ich damit wieder beim Kern eines Reiseführers, den Schlögel bereits für den Baedeker ausgemacht hat: Beide bilden kulturelle Räume ab, und beide wirken bei der Produktion und Konstitution von kulturellen Räumen mit.
Meiner als Produkt der 90er setzt auf Individualität, Selbsterfahrung. Das alles in einem Medienzeitalter, das mit seinen E-Mails oder Handys angeblich genau diese Sinneseindrücke rar macht.
Man muss eben nicht nur alles selbst machen. Vielleicht darf man alles selbst machen. Moleskine hat mir in mein kleines Buch jedenfalls noch einen Zettel reingelegt. Womit sie mir offenbar zeigen wollen, dass ich als Käufer ganz nah dran bin an der Firma, dem Mythos.
Dort steht: “We would be grateful if you would advise us of any inaccuracies you may find” - was dann doch eher unwahrscheinlich ist bei so vielen leeren Seiten.
Schönste, hässlichste, grünste und auch gern mal die braunste - neben den “Immer-mehr”-Trendartikeln schleudern Medien regelmäßig Städte-Ranglisten raus.
“Forbes.com” hat nun die “schlausten” US-Städte gekürt. Auf dem Siegertreppchen: 1. Boulder, 2. Bethesda-Gaithersburg-Frederick, 3. Ithaca.
Noch nie von diesen Städten gehört? Darüber, dass “Forbes” nämlich gar keine Städte, sondern Metropolitan Statistical Areas bewertet hat, lästert dann auch der “CJR”.
Und auch der oftmals abstruse Ranking-Wahn wird gleich mit abgefertigt: “,Smartest Cities’ list is stupid even for a list”.
Warum nicht gleich einmal auf das hinweisen, was zwei wichtige Themen dieses Blogs – nämlich Journalismus und Stadtlandschaften – zusammenhält: die Reportage um 1900.
Denn offenbar besteht eine enge Verknüpfung zwischen dem Aufkommen der Massenpresse und der unaufhörlichen Zuwanderung in die lärmenden, dampfenden und elekrisierten Städte der Jahrhundertwende. Dies beschreibt so zum Beispiel der Wissenschaftler Rolf Lindner in einem Buch von 1990.
Ein Blick zurück: Die Urbanisierung erweckt Massenmedien zum Leben und zentrales Thema der Blätter waren die kaum fassbaren Facetten der Großstadt. Zeitungen sammelten und erklärten die tausenden Eindrücke.
Erlebnisse werden zu Geschichten, die in diesen Jahren nach und nach unter verschiedenen Überschriften zusammengefasst werden: “Es entstehen verschiedene Genres von Reportagen, die als Vorläufer der Stadtkulturforschung der Chicago School betrachtet werden können”, schreiben die Soziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel in ihrer Einführung zur Stadtsoziologie. Damit ist die Stadtforschung in ihrer heutigen Ausprägung geboren.
Hinter den Geschichten stehen Reporter – Männer und Frauen. Sie alle jagen Neuigkeiten und nehmen ihre Leser mittels der gedruckten Texte mit zu den Knoten des Lebens. Polizeireporter dorthin, wo das Verbrechen lauert: also im Gericht, vor dem Knast und manchmal wohnen sie sogar gleich Tür an Tür mit der Polizei. Undercover lassen sich Kühne wie Nellie Bly in Irrenhäuser einweisen und prangern die Misstände an. Das muckraking als Vorgänger des heutigen so genannten investigativen Journalismus deckt Korruption auf und die rasant voranschreitende Foto-Technik illustiert Elend und Glanz der Metropolen.
Doch nicht nur der Inhalt, sondern auch die Aufmachung verweist auf Tendenzen im heutigen Journalismus und Aspekte der wissenschaftlichen Stadtforschung. Laut Lindner waren die Reportagen gespickt mit Plänen, Diagrammen und Statistiken – also Beistellern aller Art. Die Reportagen machen die News der Großstadt erfahrbar.
Eines muss ich gleich zugeben: Ich wohne sehr gern in der Mitte meiner Stadt. Mein liebster Grund als Geograph lautet: Fettleibigkeit. Oder besser vielleicht: der Schutz davor, weil ich wohne, wo ich wohne.
Denn gesunde Schulspeistung oder Große Pausen bei Burgerketten, bildungsnah oder bildungsfern, hin oder her: Die Lage des Wohnortes entscheidet mit über die Anzahl der Pfunde. Mein Glück als Bewohner der Stadtmitte: Wer im so genannten Speckgürtel wohnt - nun ja: ist eben speckiger. Über diesen Zusammenhang hat die “Washington Post” bereits vor einigen Jahren berichtet.
Der Grund: Laut einer Umfrage des “Buckeye Institute for Public Solutions” unter 200.000 Menschen in 448 Landkreisen der USA legen die Einwohner von entfernt liegenden Gegenden weniger Strecken zu Fuß zurück. Als Folge wiegen sie im Durchschnitt 6 Pfund mehr.
Eine Verbindung besteht dabei auch zum urban sprawl, der räumlichen Zersplitterung und Ausdehnung der Städte. Je stärker Städte expandieren, desto weniger gehen die Bewohner in ihrer Freizeit zu Fuß.
Welche Erkenntnis aus dieser Studie zu ziehen sind? Der Lebensstil hängt zum Teil mit der Wohnform zusammen. Mehr nicht? Mehr nicht.
"Amerikaner lieben es, über sich selbst zu reden. Je weniger sie wissen, desto mehr wollen sie diskutieren." (Ken Layne von Wonkette im "Spiegel" auf die Frage, warum Blogs in Amerika so beliebt sind)