Ein steiler Weg nach oben: Ein Lehramtsstudent und nur mäßig talentierter Schriftsteller macht in Berlin Karriere. Kurze Texte in einem Lokalblatt liegen hinter ihm, vor ihm das Schreiben für eine der wichtigsten politischen Zeitungen der Hauptstadt.
Geschickt nutzt er das Empfehlungsschreiben aus der Heimat. Von wegen Generation Praktikum - er lernt schnell aus seinen ersten Gehversuchen in den journalistischen Kreisen und erkennt die Verlierer. Seine ganze Kraft richtet er deshalb auf das Spinnen seiner sozialen Fäden. Denn was rät ihm sein neuer Chefredakteur? Man erobere die Welt nicht mehr von der Schreibstube aus. Auch der Schriftsteller müsse in diesen Zeiten mit seiner Person eintreten.
Wie es die Netzwerkforschung aufstrebenden Karrieristen lehrt: Gewinne das Vertrauen eines erfolgreichen Ziehvaters. Daran hält er sich. Man liebt das Heitere und Gutmütige, das er an sich hat. Das, weshalb man ihn überall hineinlässt, ihm alles mögliche anvertraut und dabei aber fast gar nicht auf ihn achtet – was ist für einen Reporter wünschenswerter?
Nur ein Jahr später und Andreas, so heißt der junge Mann, gilt als größte Nachwuchshoffnung. Er verspricht sich: Nur einige, flüchtig in der Redaktion hingeworfene Zeilen werden ihm Macht, Einfluss, ein gutes Einkommen und eine angesehene gesellschaftliche Stellung in Berlin sichern.
Jedoch, die Hybris, die Langeweile. Er fängt an, den Grund für seinen Erfolg zu vergessen: seine Förderer. Er spannt stattdessen ihre Frauen und Geliebten aus, überschätzt sein Gespür für Geschäfte an der Börse. Die Gesellschaft schlägt zurück. Andreas stürzt ab.
Eine Geschichte aus dem heutigen Berlin? Nein, aber offenbar hat sich im Journalismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht alles geändert. Nachzulesen ist der Ausschnitt aus dem Leben von Andreas Zumsee in Heinrich Manns “Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten”.